27. Julius
Dein Brief, mein Freund, hat mich in einen Zustand tiefster Verwirrung gestürzt. Es stimmt mich sehr traurig, dich in dieser schwierigen Lage zu wissen. Deine Angelegenheit ist nicht die meine, doch drängt mich mein Herz – Gott weiss warum - dich zu beraten. Die Gegenwart dieser Lotten tat deinem Befinden gut, doch nun glaubst du dich schwach, der Verführung unterlegen. Bester Freund, ich denke, der Versuchung nachzugeben, ist weit weniger schlimm, als die Sehnsüchte des Herzens zu ignorieren. Es freut mich, dass du deine Lotte besuchst, wenn du den innigen Wunsch verspürst, sie zu sehen, nur befreie deine Seele von den Schuldgedanken. Das einzige, was mir mein Herz erschwert - O Werther, wie kann es dir nur so gleichgültig sein - ist die Verlobung. Der Bräutigam wird bald von seiner Reise zurück sein. Ich hoffe, dass du durch dessen Rückkehr nicht dem süssen Geruch der Melancholie verfällst und dich deine Hingabe und Liebe schliesslich zugrunde richtet.
Mir fiel das Schreiben dieses Briefes schwer, da ich der Meinung bin, dass Wilhelm ihn nicht beantwortet hat und erst auf den nächsten reagierte.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen