Süskinds Parfum im Vergleich mit Schneiders Schlafes Bruder
Schon zu Anfang fiel mir auf, wie ähnlich sich die Erzählformen der Autoren sind. So tut es Schneider Süskind gleich und zeichnet das Leben der Personen, die in der Geschichte Kontakt zu der Hauptfigur haben, bis zu ihrem Tode auf. Ausserdem hat man bei beiden Geschichten das Gefühl, dass eine historische Begebenheit nacherzählt wird. Inhaltlich liegen die Bücher weit auseinander. Schneider erzählt von einem melancholischen jungen Mann, der bis zu seinem Lebensende die Liebe suchte, sie aber niemals findet. Süskind erzählt die Geschichte eines Mörders, so zumindest die Versprechung auf dem Buchdeckel. Ich habe Grenouille eher als ein einsames Wesen wahrgenommen, welches nachdem es sein Lebensziel erreicht hat, nicht mehr wusste, was mit sich anzufangen.
Aber auch beim Inhalt gibt es Ähnlichkeiten: Die Autoren erzählen beide von den grössten Genies ihres Faches, die trotz ihres Talents nie berühmt wurden. Bei beiden handelt es sich um unscheinbare Männer.
Bis anhin habe ich den Inhalt nur auf die Protagonisten beschränkt, ich würde aber noch gerne auf zwei Nebenfiguren eingehen. Bei diesen zwei Personen handelt es sich um Goller und Baldini. Ich finde, dass diese Nebenfiguren beide die Rolle des chancenlosen, eifersüchtigen Mitstreiters verkörpern. Sie beide fördern das Talent der Protagonisten und wünschen sie später loszuwerden. Im Gegensatz zu Baldini gelingt es Goller nicht, Elias Talent für sich zu nutzen und ihn gleichzeitig zu verstecken. An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die Protagonisten zu sprechen kommen. Weder Elias noch Grenouille scheint es nervös zu machen sich gegenüber ihren Mitstreitern zu beweisen Beiden ist bewusst, dass sie die besten in ihrem Fach sind. Grenouille zelebriert das ganz offen. Bei Elias ist diese Gewissheit eher unbewusst.
Im Folgenden sollen kurz die Talente der beiden Protagonisten angesprochen werden. Während Elias ein grossartiges Gehör besitzt, hat Grenouille eine unglaublich gute Nase, mit Betonung auf unglaublich. Denn über das Talent Grenouilles wird schon etwas fantastisch und unglaubwürdig berichtet. Das Talent Elias hingegen wirkt glaubwürdig, was wahrscheinlich daran liegt, dass man in unserer Welt kaum etwas über „Riechgenies“ hört, die Geschichten von genialen Musikern aber omnipräsent sind. Dass sie beide über ungewöhnliche Talente verfügen, ist nicht ihre einzige Gemeinsamkeit: Beide sind besessen. Auch wenn jeder ein anderes Objekt im Auge hat, drückt sich ihre Besessenheit durch ein gestörtes Sozialverhalten aus. Grenouille ist introvertiert und ein Einzelgänger, er ordnet sich den Menschen über, der Kritik, die sie ihm gegenüber äussern, schenkt er kein Gehör. Elias ist ebenfalls introvertiert, jedoch kein Einzellgänger. Peter, sein einziger Freund, steht ihm immer zur Seite. Auch wenn Elias den Menschen in seinem Dorf klar überlegen ist, ordnet er sich ihnen eher unter. Peter gegenüber könnte man ihn gar als hörig bezeichnen. Wie schon erwähnt, sind sie von verschiedenen Ideen besessen. Bei Grenouille ist nicht ganz klar, wovon er nun mehr besessen ist, von seinem Talent, von sich selbst oder der Idee, einen perfekten Eigenduft für sich zu kreieren. Elias bringt schon stärker zum Ausdruck, von wem er besessen ist. Im ersten Teil des Buches handelt es sich ganz klar um seine Cousine Elsbeth, im zweiten ist er von der Idee zu lieben besessen. Elias bleibt trotz seiner Besessenheit ein soziales „Tier“, er ist im Allgemeinen sehr besorgt um die Gemeinschaft, was sich auch im Umgang mit seinem kleinen Bruder äussert. Grenouille aber stellt seine persönliche Befriedigung über alles, ihm ist jedes Mittel recht, diese zu erreichen
Meiner Meinung nach unterscheiden sich die Bücher aber vor allem durch die Umgebung und die Nebenfiguren. Grenouille ist in seinem Leben viel herumgekommen, er kennt ganz Paris und ist es gewohnt, von vielen Menschen umgeben zu sein, trotzdem kommt er mit der Anwesenheit von anderen Leuten nur schlecht klar. Im Parfum werden die Menschen eigentlich nur in der ersten Hälfte, bevor Grenouille nach Grasse kommt, genau beschrieben, danach verschwinden sie im Schatten Grenouilles. Teilweise scheint es fast so, als wäre Grenouille der einzige Mensch auf dieser Erde, ausser ihm gibt es nur noch die Menschheit und keine Individuen. Der Autor bringt den eigentlich unauffälligen jungen Mann auf diese Weise gut zum Vorschein. Die Umgebung wird auf eine seltsame Weise beschrieben, oft helfen einem nur Geruchsfetzen, sich die Ortschaften vorzustellen. Beim Parfum scheint die Umgebung eher im Hintergrund zu stehen. Deshalb blieb mir auch kaum eine Ortschaft in Erinnerung. Bei Schlafes Bruder spielen Umgebung und Mitmenschen eine zentrale Rolle. Elias kennt nichts ausser dem kleinen Dorf, in dem er aufwuchs. Daher wird dieses Dorf genau beschrieben und er spricht alle Sinne an. Das Dorf erhält immer klarere Umrisse, denn Schneider greift die Beschreibung immer wieder auf und vertieft sie. Auch den Nebenfiguren wird viel Aufmerksamkeit geschenkt. Der Charakter sowie das Aussehen jedes einzelnen werden dem Leser näher gebracht. Oft verlässt der Autor für einige Zeit Elias und wendet sich anderen Personen zu. Über diese Personen schreibt er nicht nur oberflächlich, sondern dringt, wie er es auch beim Protagonisten tut, in ihre Gefühlswelt ein.
Ich habe versucht einige Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Büchern aufzudecken. Von meinem aktuellen Standpunkt aus würde ich sagen, dass sich Schneider zwar von dem Parfum inspirieren liess, mit seiner Geschichte aber etwas ganz anderes vermitteln will als Süskind.
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