Ist Grenouille ein Mensch?
Die meisten würden diese Frage, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken, mit Nein beantworten, gleichzeitig aber Grenouille als einen bösen Menschen bezeichnen. Ich selbst möchte es mir nicht so leicht machen und meine Antwort im Buch und in der Realität des Menschen suchen. Was einem als aller erstes ins Auge sticht, ist, wie Grenouille die Menschen beschreibt. Er empfindet die Menschen als minderwertig, man könnte sagen, dass er dasselbe Verhältnis zu ihnen hat, wie die Menschen zu Tieren: Sie sind nichts als Mittel zum Zweck. Diese Aussage stütze ich auf die Seite 192. Auf dieser Seite wird beschrieben, wie Grenouille den menschlichen Duft nachahmt, dafür benutzt er widerwärtigste Zutaten. Noch klarer drückt sich der Erzähler auf der Seite 304 aus, hier wird das Wort Menschen durch Menschentiere ersetzt. Damit wäre die Haltung Grenouilles gegenüber den Menschen geklärt.
Bei seiner Hinrichtung wird klar, dass diese Haltung zumindest scheinbar der Wahrheit entspricht und nicht alleine eine Fantasie Grenouilles ist. Denn die Menschen unterwerfen sich ihm und sind nicht im geringsten fähig hinter seine Maske zu blicken. Grenouille ist, was Intelligenz, Raffinesse und Fleiss angeht, den Menschen klar überlegen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es sich bei Grenouille um ein menschliches Wesen handelt, das gegenüber einem durchschnittlichen Wesen seiner Spezies den Vorteil hat, für gewisse Gefühle völlig unempfänglich zu sein. Man könnte sagen, dass Grenouille eben wegen dieser Gefühlslosigkeit den Menschen so klar überlegen ist. Denn seine Talente und Fähigkeiten bildeten sich nur deshalb in diesem Masse aus, weil ihm seine Gefühle nie im Wege standen. Diese Gefühlsarmut scheint bei Grenouille eine Art Schutzmechanismus zu sein. Besonders vorteilhaft für ihn ist, dass er die wenigen Gefühle, die er überhaupt kennt, fast immer unter Kontrolle hat. Ausserdem besitzt er keine Moral oder mindestens keine, die für Menschen verständlich wäre.
Weil Grenouille diese für Menschen anscheinend unentbehrlichen Eigenschaften nicht besitzt, schliesse ich noch lange nicht aus, dass er ein Mensch ist, denn ich glaube nicht, dass Menschen mit Gefühlen oder einer Moral zur Welt kommen. Zudem ist Grenouille nicht vollkommen gefühlslos. Gewissen Gefühlen, wie z.B. der Liebe, ist er bis zu seinem Tod einfach noch nicht begegnet.
Trotzdem gibt es etwas an Grenouille, das ihn unmenschlich erscheinen lässt. Es drängt ihn nicht seine Ehre zu verteidigen, Ruhm und Ehre scheinen ihm unwichtig. Um seiner Leidenschaft nachzugehen, lässt er sich von jedem ausnutzen und unterschätzen. Wie ihn die Menschen behandeln, ist ihm völlig gleichgültig. Das liegt höchst wahrscheinlich daran, dass Grenouille sich den Menschen überlegen fühlt und ihm daher nur sein eigens Urteil wichtig ist. Trotzdem bleibt er den Menschen gegenüber gerecht. Selbst als Grenouille das Fläschchen voller Macht in den Händen hält, gebraucht er dieses nur, als sein Leben in Gefahr ist.
Ganz anders wird die Menschheit im Buch geschildert: Nur um ihren Stolz zu wahren, töten sie Druot. Im Parfum erscheint die Menschheit sehr viel böser und abgründiger als Grenouille. Was die Frage aufwirft, ob dies der Wahrheit entspricht.
In der Tat ist Grenouille ein sehr Ziel orientierter Mensch. Um zu erreichen, was er will, geht er wortwörtlich über Leichen. Er spielt mit dem Leben seiner Mitmenschen, aber auch mit seinem eigenen. Ich glaube, Grenouille ist sehr wohl bewusst, dass man ihn früher oder später entlarven wird.
Ich gehe nicht davon aus, dass er grundsätzlich böse ist. Es ist viel mehr der Wahnsinn und der Ehrgeiz seines Genies, die ihn zu solchen Taten treiben. Doch ein solch krankes Genie war er nicht immer gewesen, behaupte ich entgegen der Aussage auf Seite 28. Hier erwähnt der Autor, dass Grenouille von Beginn an ein Scheusal gewesen sei. Um meine Aussage zu stützen, möchte ich das Verhalten der Menschen gegenüber Grenouille genauer darstellen. Schon am ersten Tag nach seiner Geburt liessen die Menschen ihn spüren, wie anders er war. Sie schoben ihn von sich, unter dem Vorwand er sei eklig, die Kinder wollten ihn gar ermorden. Dies geschah jedoch nicht, weil er böse war, sondern weil sie ihn kein bisschen einschätzen konnten. Grenouille erfuhr von den Menschen keinerlei Gefühle, weder Hass noch Liebe. Erst durch die Abneigung der Menschen wurde er zu einem Monster. Da Grenouille von den Menschen keine sozialen Werte vermittelt bekam, entwickelte er eine eigene Moralvorstellung. Deshalb war ihm wohl auch nicht bewusst, welches Verbrechen er beging, indem er sein zeitloses Meisterwerk über das Leben eines jeden(sich selber miteingeschlossen) setzte. Am Tag der Orgie stellte sich auch heraus, dass das Abschlachten der Frauen sich zumindest für die Menschen gelohnt hatte. Mit dem Duft verwandelte sich ihre Rachsucht in ein unglaublich starkes Gefühl der Liebe. Es ist mir klar, dass Grenouille schlimme Taten begangen hat. Dass ihn die Menschen schlecht behandelt hatten, ist sicher keine Rechtfertigung. Doch erst durch die Ablehnung der Menschen konnte Grenouille in eine so abgrundtiefe Boshaftigkeit fallen. Auch wenn es scheint, als würde ich die Menschen für ihr Verhalten gegenüber Grenouille verurteilen, ist dem nicht so. Die Menschen stossen Grenouille fast reflexartig von sich. Es dünkt mich, dass sie unbewusst einen Schutz gegen dieses Kind entwickelt haben, ihre Nase scheint sie vor diesem Wesen zu warnen, weil sie ihn nicht riechen können. Dieser Schutz konnte erst gebrochen werden, als Grenouille lernte, den menschlichen Geruch nachzuahmen.
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