Montag, 5. Juli 2010

Lebende Leichen

Wie sich das Blau über den Boden wälzt,

wie es grollt und brodelt,

zarte Farben noch fröhlich tanzen,

die dunkeln sich verpantschen.

Und wenn der Druck von oben,

die hellen beginnen zu toben,

sie langsam nach unten versetzt,

wirkt das Gesetz.

Unter Schmerzen, unter Schreien,

verwandelt sie sich im tiefen Blau,

aus Gelb wird Grün,

aus Rot ein dreckiges Violett.

Welch traurige Schlacht

wurde da über sie gebracht!

Atmen, atmen wollen sie,

nach oben, nach oben kommen sie,

Doch das Gehen wird ihnen verwehrt,

denn die Fesseln sind bewährt.

Wie sie nun da liegen,

sind sie umhüllt,

von all diesen hungrigen Fliegen,

die ihnen gierig,

während Geruch,

von Kopf und Fuss verfliegen,

die Seele vom Körper saugt.

Auf das sie ihm neuen Wesen,

gut genesen.

Und nun die Ewigkeit,

sie wartet,

Stunde um Stunde ist sie da,

wartet bis in die Unendlichkeit,

die für Menschen unerkenntlich bleibt.

Wenn sie schliesslich verenden,

sich dem Tode zuwenden,

so verlautet ihr Schöpfer hochoffiziell,

dass sich Nichts und Ewigkeit,

sehr nahe stehen.

Ich entschloss mich in meinem „Gedicht“, Gerüche mit Hilfe von Farben zu beschreiben, weil ich der Meinung bin, dass diese die wohl interessanteste Form ist Gerüche zu definieren. In erster Linie ging es mir aber nicht darum ein Gedicht über Synästhesie oder Gerüche zu schreiben, vielmehr wollte ich aufzeigen, wie pervers und krank es ist, Gerüche zu konservieren. Man ertränkt Lebewesen in ekligen Fetten oder im Wasser, um ihnen ihren Duft zu entziehen, ihre Seele zu fesseln. Sie werden zu lebenden Leichen und das schlimmste ist, dass sie nicht mehr sterben können. Diese konservierten Düfte erinnern mich stark an die Götter im Olymp, ewig jung und lebendig und wahrscheinlich genauso eifersüchtig auf die Menschen wie jene Götter. Es ist typisch für die Menschen, dass sie alles konservieren wollen, alles muss ewig, stetig sein, nichts darf vergehen, nicht die Jugend und ebenso wenig die Gerüche. Und das aus dem einfachen Grund, weil die Menschen die Gewohnheit lieben, sie sind so sensibel, dass sie jede auch noch so kleine Veränderung aus der Ruhe bringen kann. Es gibt aber noch einen zweiten Grund, weswegen die Menschen alles konservieren müssen, sie wollen Erinnerungen sammeln. Heute machen wir Fotos, früher presste man die schönen Blumen.

Ich würde noch gerne etwas zu einer bestimmten Person sagen, nämlich dem Mann, der gegen den Schluss so plötzlich auftaucht. Bei diesem Mann handelt es sich um Jean-Babtiste Grenouille. Ich wollte darauf aufmerksam machen, warum Grenouille es so liebt Gerüche zu konservieren. Mit diesen Gerüchen stellt er etwas für die Ewigkeit her, es scheint ihm sehr wichtig zu sein Gerüche zu schaffen, die die Chance haben zu existieren. Gleichzeitig fühlt er sich allem verbunden, was ewig ist, weil es irgendwann verendet. Natürlich verendet es nicht im Sinne von, es ist nicht mehr vorhanden, aber es verendet, weil sich die Menschen an etwas gewöhnen, das ewig existiert und daher nicht mehr fähig sind es wahrzunehmen oder sich daran zu erfreuen. Grenouille erlitt eigentlich dasselbe Schicksal wie das Ewige: Er wurde nie wahrgenommen.

Süskinds Parfum im Vergleich mit Schneiders Schlafes Bruder

Schon zu Anfang fiel mir auf, wie ähnlich sich die Erzählformen der Autoren sind. So tut es Schneider Süskind gleich und zeichnet das Leben der Personen, die in der Geschichte Kontakt zu der Hauptfigur haben, bis zu ihrem Tode auf. Ausserdem hat man bei beiden Geschichten das Gefühl, dass eine historische Begebenheit nacherzählt wird. Inhaltlich liegen die Bücher weit auseinander. Schneider erzählt von einem melancholischen jungen Mann, der bis zu seinem Lebensende die Liebe suchte, sie aber niemals findet. Süskind erzählt die Geschichte eines Mörders, so zumindest die Versprechung auf dem Buchdeckel. Ich habe Grenouille eher als ein einsames Wesen wahrgenommen, welches nachdem es sein Lebensziel erreicht hat, nicht mehr wusste, was mit sich anzufangen.

Aber auch beim Inhalt gibt es Ähnlichkeiten: Die Autoren erzählen beide von den grössten Genies ihres Faches, die trotz ihres Talents nie berühmt wurden. Bei beiden handelt es sich um unscheinbare Männer.

Bis anhin habe ich den Inhalt nur auf die Protagonisten beschränkt, ich würde aber noch gerne auf zwei Nebenfiguren eingehen. Bei diesen zwei Personen handelt es sich um Goller und Baldini. Ich finde, dass diese Nebenfiguren beide die Rolle des chancenlosen, eifersüchtigen Mitstreiters verkörpern. Sie beide fördern das Talent der Protagonisten und wünschen sie später loszuwerden. Im Gegensatz zu Baldini gelingt es Goller nicht, Elias Talent für sich zu nutzen und ihn gleichzeitig zu verstecken. An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die Protagonisten zu sprechen kommen. Weder Elias noch Grenouille scheint es nervös zu machen sich gegenüber ihren Mitstreitern zu beweisen Beiden ist bewusst, dass sie die besten in ihrem Fach sind. Grenouille zelebriert das ganz offen. Bei Elias ist diese Gewissheit eher unbewusst.

Im Folgenden sollen kurz die Talente der beiden Protagonisten angesprochen werden. Während Elias ein grossartiges Gehör besitzt, hat Grenouille eine unglaublich gute Nase, mit Betonung auf unglaublich. Denn über das Talent Grenouilles wird schon etwas fantastisch und unglaubwürdig berichtet. Das Talent Elias hingegen wirkt glaubwürdig, was wahrscheinlich daran liegt, dass man in unserer Welt kaum etwas über „Riechgenies“ hört, die Geschichten von genialen Musikern aber omnipräsent sind. Dass sie beide über ungewöhnliche Talente verfügen, ist nicht ihre einzige Gemeinsamkeit: Beide sind besessen. Auch wenn jeder ein anderes Objekt im Auge hat, drückt sich ihre Besessenheit durch ein gestörtes Sozialverhalten aus. Grenouille ist introvertiert und ein Einzelgänger, er ordnet sich den Menschen über, der Kritik, die sie ihm gegenüber äussern, schenkt er kein Gehör. Elias ist ebenfalls introvertiert, jedoch kein Einzellgänger. Peter, sein einziger Freund, steht ihm immer zur Seite. Auch wenn Elias den Menschen in seinem Dorf klar überlegen ist, ordnet er sich ihnen eher unter. Peter gegenüber könnte man ihn gar als hörig bezeichnen. Wie schon erwähnt, sind sie von verschiedenen Ideen besessen. Bei Grenouille ist nicht ganz klar, wovon er nun mehr besessen ist, von seinem Talent, von sich selbst oder der Idee, einen perfekten Eigenduft für sich zu kreieren. Elias bringt schon stärker zum Ausdruck, von wem er besessen ist. Im ersten Teil des Buches handelt es sich ganz klar um seine Cousine Elsbeth, im zweiten ist er von der Idee zu lieben besessen. Elias bleibt trotz seiner Besessenheit ein soziales „Tier“, er ist im Allgemeinen sehr besorgt um die Gemeinschaft, was sich auch im Umgang mit seinem kleinen Bruder äussert. Grenouille aber stellt seine persönliche Befriedigung über alles, ihm ist jedes Mittel recht, diese zu erreichen

Meiner Meinung nach unterscheiden sich die Bücher aber vor allem durch die Umgebung und die Nebenfiguren. Grenouille ist in seinem Leben viel herumgekommen, er kennt ganz Paris und ist es gewohnt, von vielen Menschen umgeben zu sein, trotzdem kommt er mit der Anwesenheit von anderen Leuten nur schlecht klar. Im Parfum werden die Menschen eigentlich nur in der ersten Hälfte, bevor Grenouille nach Grasse kommt, genau beschrieben, danach verschwinden sie im Schatten Grenouilles. Teilweise scheint es fast so, als wäre Grenouille der einzige Mensch auf dieser Erde, ausser ihm gibt es nur noch die Menschheit und keine Individuen. Der Autor bringt den eigentlich unauffälligen jungen Mann auf diese Weise gut zum Vorschein. Die Umgebung wird auf eine seltsame Weise beschrieben, oft helfen einem nur Geruchsfetzen, sich die Ortschaften vorzustellen. Beim Parfum scheint die Umgebung eher im Hintergrund zu stehen. Deshalb blieb mir auch kaum eine Ortschaft in Erinnerung. Bei Schlafes Bruder spielen Umgebung und Mitmenschen eine zentrale Rolle. Elias kennt nichts ausser dem kleinen Dorf, in dem er aufwuchs. Daher wird dieses Dorf genau beschrieben und er spricht alle Sinne an. Das Dorf erhält immer klarere Umrisse, denn Schneider greift die Beschreibung immer wieder auf und vertieft sie. Auch den Nebenfiguren wird viel Aufmerksamkeit geschenkt. Der Charakter sowie das Aussehen jedes einzelnen werden dem Leser näher gebracht. Oft verlässt der Autor für einige Zeit Elias und wendet sich anderen Personen zu. Über diese Personen schreibt er nicht nur oberflächlich, sondern dringt, wie er es auch beim Protagonisten tut, in ihre Gefühlswelt ein.

Ich habe versucht einige Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Büchern aufzudecken. Von meinem aktuellen Standpunkt aus würde ich sagen, dass sich Schneider zwar von dem Parfum inspirieren liess, mit seiner Geschichte aber etwas ganz anderes vermitteln will als Süskind.

Ist Grenouille ein Mensch?

Die meisten würden diese Frage, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken, mit Nein beantworten, gleichzeitig aber Grenouille als einen bösen Menschen bezeichnen. Ich selbst möchte es mir nicht so leicht machen und meine Antwort im Buch und in der Realität des Menschen suchen. Was einem als aller erstes ins Auge sticht, ist, wie Grenouille die Menschen beschreibt. Er empfindet die Menschen als minderwertig, man könnte sagen, dass er dasselbe Verhältnis zu ihnen hat, wie die Menschen zu Tieren: Sie sind nichts als Mittel zum Zweck. Diese Aussage stütze ich auf die Seite 192. Auf dieser Seite wird beschrieben, wie Grenouille den menschlichen Duft nachahmt, dafür benutzt er widerwärtigste Zutaten. Noch klarer drückt sich der Erzähler auf der Seite 304 aus, hier wird das Wort Menschen durch Menschentiere ersetzt. Damit wäre die Haltung Grenouilles gegenüber den Menschen geklärt.

Bei seiner Hinrichtung wird klar, dass diese Haltung zumindest scheinbar der Wahrheit entspricht und nicht alleine eine Fantasie Grenouilles ist. Denn die Menschen unterwerfen sich ihm und sind nicht im geringsten fähig hinter seine Maske zu blicken. Grenouille ist, was Intelligenz, Raffinesse und Fleiss angeht, den Menschen klar überlegen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es sich bei Grenouille um ein menschliches Wesen handelt, das gegenüber einem durchschnittlichen Wesen seiner Spezies den Vorteil hat, für gewisse Gefühle völlig unempfänglich zu sein. Man könnte sagen, dass Grenouille eben wegen dieser Gefühlslosigkeit den Menschen so klar überlegen ist. Denn seine Talente und Fähigkeiten bildeten sich nur deshalb in diesem Masse aus, weil ihm seine Gefühle nie im Wege standen. Diese Gefühlsarmut scheint bei Grenouille eine Art Schutzmechanismus zu sein. Besonders vorteilhaft für ihn ist, dass er die wenigen Gefühle, die er überhaupt kennt, fast immer unter Kontrolle hat. Ausserdem besitzt er keine Moral oder mindestens keine, die für Menschen verständlich wäre.

Weil Grenouille diese für Menschen anscheinend unentbehrlichen Eigenschaften nicht besitzt, schliesse ich noch lange nicht aus, dass er ein Mensch ist, denn ich glaube nicht, dass Menschen mit Gefühlen oder einer Moral zur Welt kommen. Zudem ist Grenouille nicht vollkommen gefühlslos. Gewissen Gefühlen, wie z.B. der Liebe, ist er bis zu seinem Tod einfach noch nicht begegnet.

Trotzdem gibt es etwas an Grenouille, das ihn unmenschlich erscheinen lässt. Es drängt ihn nicht seine Ehre zu verteidigen, Ruhm und Ehre scheinen ihm unwichtig. Um seiner Leidenschaft nachzugehen, lässt er sich von jedem ausnutzen und unterschätzen. Wie ihn die Menschen behandeln, ist ihm völlig gleichgültig. Das liegt höchst wahrscheinlich daran, dass Grenouille sich den Menschen überlegen fühlt und ihm daher nur sein eigens Urteil wichtig ist. Trotzdem bleibt er den Menschen gegenüber gerecht. Selbst als Grenouille das Fläschchen voller Macht in den Händen hält, gebraucht er dieses nur, als sein Leben in Gefahr ist.

Ganz anders wird die Menschheit im Buch geschildert: Nur um ihren Stolz zu wahren, töten sie Druot. Im Parfum erscheint die Menschheit sehr viel böser und abgründiger als Grenouille. Was die Frage aufwirft, ob dies der Wahrheit entspricht.

In der Tat ist Grenouille ein sehr Ziel orientierter Mensch. Um zu erreichen, was er will, geht er wortwörtlich über Leichen. Er spielt mit dem Leben seiner Mitmenschen, aber auch mit seinem eigenen. Ich glaube, Grenouille ist sehr wohl bewusst, dass man ihn früher oder später entlarven wird.

Ich gehe nicht davon aus, dass er grundsätzlich böse ist. Es ist viel mehr der Wahnsinn und der Ehrgeiz seines Genies, die ihn zu solchen Taten treiben. Doch ein solch krankes Genie war er nicht immer gewesen, behaupte ich entgegen der Aussage auf Seite 28. Hier erwähnt der Autor, dass Grenouille von Beginn an ein Scheusal gewesen sei. Um meine Aussage zu stützen, möchte ich das Verhalten der Menschen gegenüber Grenouille genauer darstellen. Schon am ersten Tag nach seiner Geburt liessen die Menschen ihn spüren, wie anders er war. Sie schoben ihn von sich, unter dem Vorwand er sei eklig, die Kinder wollten ihn gar ermorden. Dies geschah jedoch nicht, weil er böse war, sondern weil sie ihn kein bisschen einschätzen konnten. Grenouille erfuhr von den Menschen keinerlei Gefühle, weder Hass noch Liebe. Erst durch die Abneigung der Menschen wurde er zu einem Monster. Da Grenouille von den Menschen keine sozialen Werte vermittelt bekam, entwickelte er eine eigene Moralvorstellung. Deshalb war ihm wohl auch nicht bewusst, welches Verbrechen er beging, indem er sein zeitloses Meisterwerk über das Leben eines jeden(sich selber miteingeschlossen) setzte. Am Tag der Orgie stellte sich auch heraus, dass das Abschlachten der Frauen sich zumindest für die Menschen gelohnt hatte. Mit dem Duft verwandelte sich ihre Rachsucht in ein unglaublich starkes Gefühl der Liebe. Es ist mir klar, dass Grenouille schlimme Taten begangen hat. Dass ihn die Menschen schlecht behandelt hatten, ist sicher keine Rechtfertigung. Doch erst durch die Ablehnung der Menschen konnte Grenouille in eine so abgrundtiefe Boshaftigkeit fallen. Auch wenn es scheint, als würde ich die Menschen für ihr Verhalten gegenüber Grenouille verurteilen, ist dem nicht so. Die Menschen stossen Grenouille fast reflexartig von sich. Es dünkt mich, dass sie unbewusst einen Schutz gegen dieses Kind entwickelt haben, ihre Nase scheint sie vor diesem Wesen zu warnen, weil sie ihn nicht riechen können. Dieser Schutz konnte erst gebrochen werden, als Grenouille lernte, den menschlichen Geruch nachzuahmen.