Lebende Leichen
Wie sich das Blau über den Boden wälzt,
wie es grollt und brodelt,
zarte Farben noch fröhlich tanzen,
die dunkeln sich verpantschen.
Und wenn der Druck von oben,
die hellen beginnen zu toben,
sie langsam nach unten versetzt,
wirkt das Gesetz.
Unter Schmerzen, unter Schreien,
verwandelt sie sich im tiefen Blau,
aus Gelb wird Grün,
aus Rot ein dreckiges Violett.
Welch traurige Schlacht
wurde da über sie gebracht!
Atmen, atmen wollen sie,
nach oben, nach oben kommen sie,
Doch das Gehen wird ihnen verwehrt,
denn die Fesseln sind bewährt.
Wie sie nun da liegen,
sind sie umhüllt,
von all diesen hungrigen Fliegen,
die ihnen gierig,
während Geruch,
von Kopf und Fuss verfliegen,
die Seele vom Körper saugt.
Auf das sie ihm neuen Wesen,
gut genesen.
Und nun die Ewigkeit,
sie wartet,
Stunde um Stunde ist sie da,
wartet bis in die Unendlichkeit,
die für Menschen unerkenntlich bleibt.
Wenn sie schliesslich verenden,
sich dem Tode zuwenden,
so verlautet ihr Schöpfer hochoffiziell,
dass sich Nichts und Ewigkeit,
sehr nahe stehen.
Ich entschloss mich in meinem „Gedicht“, Gerüche mit Hilfe von Farben zu beschreiben, weil ich der Meinung bin, dass diese die wohl interessanteste Form ist Gerüche zu definieren. In erster Linie ging es mir aber nicht darum ein Gedicht über Synästhesie oder Gerüche zu schreiben, vielmehr wollte ich aufzeigen, wie pervers und krank es ist, Gerüche zu konservieren. Man ertränkt Lebewesen in ekligen Fetten oder im Wasser, um ihnen ihren Duft zu entziehen, ihre Seele zu fesseln. Sie werden zu lebenden Leichen und das schlimmste ist, dass sie nicht mehr sterben können. Diese konservierten Düfte erinnern mich stark an die Götter im Olymp, ewig jung und lebendig und wahrscheinlich genauso eifersüchtig auf die Menschen wie jene Götter. Es ist typisch für die Menschen, dass sie alles konservieren wollen, alles muss ewig, stetig sein, nichts darf vergehen, nicht die Jugend und ebenso wenig die Gerüche. Und das aus dem einfachen Grund, weil die Menschen die Gewohnheit lieben, sie sind so sensibel, dass sie jede auch noch so kleine Veränderung aus der Ruhe bringen kann. Es gibt aber noch einen zweiten Grund, weswegen die Menschen alles konservieren müssen, sie wollen Erinnerungen sammeln. Heute machen wir Fotos, früher presste man die schönen Blumen.
Ich würde noch gerne etwas zu einer bestimmten Person sagen, nämlich dem Mann, der gegen den Schluss so plötzlich auftaucht. Bei diesem Mann handelt es sich um Jean-Babtiste Grenouille. Ich wollte darauf aufmerksam machen, warum Grenouille es so liebt Gerüche zu konservieren. Mit diesen Gerüchen stellt er etwas für die Ewigkeit her, es scheint ihm sehr wichtig zu sein Gerüche zu schaffen, die die Chance haben zu existieren. Gleichzeitig fühlt er sich allem verbunden, was ewig ist, weil es irgendwann verendet. Natürlich verendet es nicht im Sinne von, es ist nicht mehr vorhanden, aber es verendet, weil sich die Menschen an etwas gewöhnen, das ewig existiert und daher nicht mehr fähig sind es wahrzunehmen oder sich daran zu erfreuen. Grenouille erlitt eigentlich dasselbe Schicksal wie das Ewige: Er wurde nie wahrgenommen.