Sonntag, 4. April 2010

Die rote Tante mit den schwarzen naturaplan Lederstiefeln

Meine Tante Monika 47 Jahre jung, mit ihrem Lebensmotto: „Schwerer werden. Leichter sein“, arbeitet schon seit bald 12 Jahren an der Langstrasse, wo sich ihr Etablissement befindet. Jeweils am Montag und Donnerstag zieht sie ihre schwarzen naturaplan Lederstiefel an und schwingt sich auf ihr rosa Elektrobike – ihre neuste Errungenschaft. Mit voller Kraft tritt sie in die Pedalen und denkt dabei: „Die Liebe ist so unproblematisch wie ein Elektrobike. Problematisch sind nur die Lenker, die Fahrgäste im Anhänger und die Strasse.“ Sie erreicht Zürich in einer Stunde, zehn Minuten und fünfundfünfzig Sekunden. Je nach Windrichtung ist frau auch schneller. An der Langstrasse angelangt, ruft sie einem Alkoholiker zu: „Es hat keinen Sinn, Sorgen in Alkohol ertränken zu wollen, denn Sorgen sind gute Schwimmer.“ Sie genehmigt sich jeweils noch einen „Chai on the Rocks“ bei Gökan und plaudert mit ihm über die GSoA, Allah und die Welt. „Weißt du Gökan: Ich bin nicht nur Pazifistin, ich bin militante Pazifistin. Nichts wird Kriege abschaffen, wenn nicht die Menschen selbst den Kriegsdienst verweigern.“ - „Ach Monika!“, sagt Gökan. „Ich trage einen Panzer aus meinen Narben. Sie werden immer dichter und horniger. Wenn ich’s erleben sollte, werde ich nächstens schon unverwundbar sein.“ Müde von der Velofahrt und dem anregenden Gespräch mit Gökan begibt sie sich dann an ihren Arbeitsplatz, wo sie die schwarzen Lederstiefel reinigt und in den roten Schrank stellt. Dabei denkt sie: „Die Schuhfabrikanten machen Frauenschuhe zum Stehenbleiben. Dabei brauchen wir eher Schuhe zum Davonlaufen.“ Kurz danach klingelt es an ihrer Türe mit der Aufschrift: „Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben.“ Schnell stellt Monika das Licht auf Rot und schliesst die Türe.

Ich bewundere meine Tante Monika für ihr soziales Engagement und ihre weisen Worte. Sie hilft jenen, die es am nötigsten haben. Wegen ihrer offenen und warmen Art ist sie bei ihrer Klientel allseits beliebt. Am liebsten würde ich später einmal in die mit den schwarzen naturaplan Lederstiefeln hinterlassenen Fussstapfen meiner Tante treten. Meine soziale Ader, denke ich, habe ich bestimmt von ihr geerbt. Sie ging – als ich noch ein kleines Kind war - soweit, dass ich die frisch gepflanzten Salatsetzlinge in unserem Garten den Weinbergschnecken verfüttert habe. Natürlich zur Verärgerung meiner Mutter. Sehnsüchtig erwarte ich, mich später einmal in den Dienst der sozial Schwachen zu stellen. Es lebe die soziale Gerechtigkeit und: „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“

„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“

Ihre Nora Schüller

PS: Meine Tante, resp. das Hilfswerk, bei welchem sie arbeitet, würde sich über eine Spende sehr freuen. Postkonto wird auf Wunsch gerne mitgeteilt.

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