Sonntag, 18. April 2010

Der Mitläufer gewinnt

Am Beispiel von Lukas in der Rolle eines Werwolfes möchte ich das ideale Verhalten eines solchen analysieren:

Lukas entwickelte eine tolle Taktik, um so unauffällig wie möglich zu sein. Er meldete sich erst, wenn sich schon herauskristallisiert hatte, gegen wen sich die Menge wenden würde. Dann schloss er sich der Mehrheit an, indem er einige Argumente hervorbrachte, die den vermeidlichen Werwolf belasteten. Zu seinen Argumenten und der Art, wie er sie präsentierte, muss ich noch sagen, dass sie meistens eher schwach waren. Jedoch ist das kein Problem, denn er übernahm im Spiel sozusagen die „Mitläufer-Rolle“ und wurde deswegen nie verdächtigt. Lukas fand einen guten Mittelweg zwischen aktivem und passivem Verhalten und errang somit den Sieg. Damit möchte ich aber nicht sagen, dass aktives oder auch offensives Verhalten ungeeignet sei. Wichtig ist nur folgendes: Wenn man eine Person „angreift“, muss man stichfeste Argumente bringen und diese vor allem gut präsentieren beispielsweise mit Hilfe von „Fünfsätzen“. Besonders gefährlich wird es, wenn man eine Diskussion mit einem Angriff einleitet. Um dies zu veranschaulichen, werde ich einen Diskussionsausschnitt wiedergeben, der aufzeigt wie man es nicht machen sollte.

Chiara = Bürger und Dorfvorsteherin

Steffi = Hexe

Katja = Werwolf

Cécile = Seherin

Chiara(die erste, die spricht) beschuldigt Cécile ein Werwolf zu sein, weil sie gelangweilt aufgewacht sei. (Diese Aussage verwirrte, so glaube ich zumindest, nicht nur mich, sondern auch ein Grossteil der Mitspielenden.)

Cécile erwidert darauf, dass die Bevölkerung es bereuen würde, wenn man sie töten liesse.

Steffi stellt sich auf die Seite von Chiara und meint, wenn Chiara ein Werwolf wäre, würde sie nie als Dorfvorsteherin arbeiten.

Katja kritisiert Steffi und Chiara, weil sie Cécile ohne Grund angreifen, was darauf hindeute, dass sie gar keinen Grund finden könnten, weil sie selbst Werwölfe seien.

Die Bevölkerung entscheidet im Sinne von Katja und brachte Chiara um.

Ich denke, dass Chiara nicht getötet worden wäre, hätte sie ihr Argument zu einem späteren Zeitpunkt angebracht, denn während einer schon laufenden Diskussion hätte man ihrer Aussage wohl weniger Beachtung geschenkt.

Das Einzige von dem ich nur abraten kann, ist, sich völlig zurückzuhalten und nie ein Statement abzugeben.

Aufgrund meiner Analysen komme ich zum Schluss, dass das Verhalten und die Präsentation der Argumente häufig wichtiger ist als der Inhalt. Des Weiteren spielt das Timing eine grosse Rolle.

Sonntag, 4. April 2010

Die rote Tante mit den schwarzen naturaplan Lederstiefeln

Meine Tante Monika 47 Jahre jung, mit ihrem Lebensmotto: „Schwerer werden. Leichter sein“, arbeitet schon seit bald 12 Jahren an der Langstrasse, wo sich ihr Etablissement befindet. Jeweils am Montag und Donnerstag zieht sie ihre schwarzen naturaplan Lederstiefel an und schwingt sich auf ihr rosa Elektrobike – ihre neuste Errungenschaft. Mit voller Kraft tritt sie in die Pedalen und denkt dabei: „Die Liebe ist so unproblematisch wie ein Elektrobike. Problematisch sind nur die Lenker, die Fahrgäste im Anhänger und die Strasse.“ Sie erreicht Zürich in einer Stunde, zehn Minuten und fünfundfünfzig Sekunden. Je nach Windrichtung ist frau auch schneller. An der Langstrasse angelangt, ruft sie einem Alkoholiker zu: „Es hat keinen Sinn, Sorgen in Alkohol ertränken zu wollen, denn Sorgen sind gute Schwimmer.“ Sie genehmigt sich jeweils noch einen „Chai on the Rocks“ bei Gökan und plaudert mit ihm über die GSoA, Allah und die Welt. „Weißt du Gökan: Ich bin nicht nur Pazifistin, ich bin militante Pazifistin. Nichts wird Kriege abschaffen, wenn nicht die Menschen selbst den Kriegsdienst verweigern.“ - „Ach Monika!“, sagt Gökan. „Ich trage einen Panzer aus meinen Narben. Sie werden immer dichter und horniger. Wenn ich’s erleben sollte, werde ich nächstens schon unverwundbar sein.“ Müde von der Velofahrt und dem anregenden Gespräch mit Gökan begibt sie sich dann an ihren Arbeitsplatz, wo sie die schwarzen Lederstiefel reinigt und in den roten Schrank stellt. Dabei denkt sie: „Die Schuhfabrikanten machen Frauenschuhe zum Stehenbleiben. Dabei brauchen wir eher Schuhe zum Davonlaufen.“ Kurz danach klingelt es an ihrer Türe mit der Aufschrift: „Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben.“ Schnell stellt Monika das Licht auf Rot und schliesst die Türe.

Ich bewundere meine Tante Monika für ihr soziales Engagement und ihre weisen Worte. Sie hilft jenen, die es am nötigsten haben. Wegen ihrer offenen und warmen Art ist sie bei ihrer Klientel allseits beliebt. Am liebsten würde ich später einmal in die mit den schwarzen naturaplan Lederstiefeln hinterlassenen Fussstapfen meiner Tante treten. Meine soziale Ader, denke ich, habe ich bestimmt von ihr geerbt. Sie ging – als ich noch ein kleines Kind war - soweit, dass ich die frisch gepflanzten Salatsetzlinge in unserem Garten den Weinbergschnecken verfüttert habe. Natürlich zur Verärgerung meiner Mutter. Sehnsüchtig erwarte ich, mich später einmal in den Dienst der sozial Schwachen zu stellen. Es lebe die soziale Gerechtigkeit und: „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“

„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“

Ihre Nora Schüller

PS: Meine Tante, resp. das Hilfswerk, bei welchem sie arbeitet, würde sich über eine Spende sehr freuen. Postkonto wird auf Wunsch gerne mitgeteilt.