Alternativer Schluss zu Patrick Süsskinds Roman „Das Parfum“
Und wie er da oben stand, über die ihm Unterlegenen, die sich an ihm ergötzten, war er sich sicher nun endlich seine Befriedigung zu finden. Er wollte, dass die Menschen ihn sehen, ihn Jean-Baptiste Grenouille, das genialste Wesen, welches je existiert hatte. Er wollte, dass sie sehen, welch grandiose Welt er erschaffen hatte. Was nützte im all diese Schönheit, wenn es niemanden gab, der den wahren Schöpfer pries? Doch nichts geschah. Die dummen Menschen sahen nur sein Werk, hinter dem er sich versteckte. Keiner von ihnen hätte Grenouille erkannt ohne seine Maske. Da gab es so viele Menschen auf dieser Welt und kein einziger war fähig, ihn zu verstehen! Er war einsam. Es schien ihm sogar, als hätte ihn sein Selbst verlassen. Regungslos stand er nun da und wusste nicht mehr, was tun. Verschwinden, jedes Empfinden unterdrücken, sich seiner Angst stellen? Es war nicht so, dass er davor Angst hatte, dass die Menschen ihn mögen oder ihn hassen, seine Angst war viel primitiver und reicht bis an den Tag seiner Geburt zurück. Schon damals nahm in keine Seele wahr und wäre er nicht so bösartig gewesen, diesen Schrei von sich zu geben, so hätte ihn niemand unter diesem verdammten Tisch bemerkt. Sein Problem war nie gewesen, dass man ihn nicht als Mensch wahrnahm, dies war ihm sogar ganz recht. Grenouilles Angst kam viel mehr daher, dass man ihn gar nicht wahrnahm, besser gesagt, dass er selber sich nicht wahrnehmen konnte. Was nutzte ihm die grossartigste Begabung dieser Welt, wenn sie in keiner Erinnerung weiterlebte, wenn nicht einmal er selbst glauben konnte, dass ein solches Genie jemals diese Erde betreten hatte? Langsam schritt er die Treppen hinab, die mitten ins Gemenge führten, in seiner Linken hielt er den Flakon. Die Menschen sahen den wundervollen Jüngling, wie er graziös die Treppen hinabstieg und legten sich ihm zu Füssen. Grenouille schritt langsam durch die Menge, eine andere Möglichkeit blieb ihm nicht, denn alle stürzten sich auf ihn, wollten ihn von tiefstem Herzen lieben. Er wollte die Liebe der Menschen entgegennehmen, er wollte spüren, was es heisst, geliebt zu werden, doch es blieb einsam und kalt in seinem Innern, so kalt, dass es selbst ihn fröstelte. Die Menschen machten ihn wütend. Welches Recht hatten diese Minderwertigen ihn zu lieben, geschweige denn zu berühren? Er entwickelte einen unglaublichen Ekel und wusste gar nicht mehr, vor wem er sich nun zu ekeln hatte, vor sich oder doch vor den Menschen. Dieser Ekel drückte ihn zu Boden und ein schrecklicher Würgereiz überkam ihn. Wie eine Katze hockte er nun da, darauf wartend, dass er endlich diesen schrecklichen Haarballen an aufgestautem Empfinden aus sich herauswürgen konnte. Doch dieser Ballen steckte fest und versperrte seine Atemwege. Wie ein geschundenes Tier kroch er vorwärts, während die Leute ihn begrapschten, keiner konnte sehen, wie schlecht es dem gestürzten Engel ging. Sie alle dachten, er würde kriechen um ihnen näher zu sein, um mit ihnen die Liebe zu teilen. Grenouille hatte nur im Sinne, irgendwie zu entkommen, wieder atmen zu können. Doch allmählich musste er feststellen, dass es ihm unmöglich war, jemals wieder lebend bewusst die Luft durch Nase und Mund zu ziehen. Doch er wollte leben, er konnte nicht anders und so schrie er wie damals unter dem Tisch seiner Mutter. Der Schrei jedoch war nicht derselbe boshafte, es war ein bemitleidenswerter, schwacher Schrei, ein Schrei der Verzweiflung, in dem sich der Überlebenstrieb Grenouilles spiegelte. Und als er schrie, ballte sich die gesamte Kraft in seiner Linken, er drückte seine Hand so stark zusammen, dass der Flakon, der darin lag, in tausende Teilchen zersprang, die sich blitzartig in seine Handfläche bohrten. Durch diese Wunden schlich sich das Parfum unter seine Haut. Einmal in seine Blutbahn geraten, verteilte sich der Duft in Windeseile in seinem ganzen Körper. Schliesslich erreichte er auch sein Herz. Grenouille musste weinen, als er spürte, wie dieser Duft seine Erinnerungen herausschwemmte. Doch mit seinem Schmerz verhielt es sich wie mit einem Dorn im Finger: Wenn man ihn herauszieht, schmerzt das unglaublich. Doch auf den Schmerz folgt die Erleichterung. Völlig erschöpft schlief Grenouille ein. Der Lärm den die Kutschen beim Überqueren des Platzes machten, riss ihn aus seinem süssen Schlaf. Er hob den Kopf und sah die Welt, er sah sie! Ruckartig erhob er sich vom Boden und rannte zu seiner kleinen Scheune. Auf dem Weg sahen ihn viele Damen mit verlegenen Blicken an, was ihn ein wenig nervös machte. Zuhause versuchte er sich daran zu erinnern, was geschehen war und wer er war. Doch er konnte sich an fast nichts mehr erinnern, nicht einmal mehr an die Zeit in Paris. Als er abends immer noch nicht zu einem Ergebnis gekommen war, blickte er in den kleinen Spiegel, der er an der Wand hängt, in der Hoffnung, das Rätsel um seine Identität zu lösen. Er schaute sich an und als er sich sah, überkam ihn eine unglaubliche Selbstliebe. Er konnte nicht glauben, dass er selbst dieser unheimlich schöne, junge Mann im Spiegel sein sollte. Als er sich sah, war er sich sicher, dass er der wunderbarste Mensch der Welt sein musste. Genau in diesem Moment der stillen Bewunderung traf ihn eine der Erinnerungen völlig unvermittelt mitten ins Herzen. In dieser Erinnerung sah er einen verkrüppelten Mann, der junge Mädchen tötete. Als er einen zweiten Blick in den Spiegel wagte, grinste die Bestie aus seiner Erinnerung auf ihn herab. Komischerweise empfand er für diese Person eine unglaubliche Zuneigung und auch ein grosses Verständnis für ihre Taten. Es war ihm, als sei jene Person im Spiegel tief in seinem Innern gefangen. Plötzlich glaubte er zu sehen, wie das Spiegelbild seines Innern ihn aufforderte, den Spiegel zu zerschlagen. Diesen Befehl führte Grenouille aus, ohne auch nur einmal den Sinn der Tat anzuzweifeln. Als der Spiegel nun zerbrochen vor ihm lag, begann sich Grenouille instinktiv darin zu wälzen, bis er von Kopf bis Fuss mit Wunden übersät war, aus denen das Blut strömte. Und mit jedem Bluttropfen, den er vergoss, kam ein Stück des wahren Grenouille zurück. Der Hörige fühlte sich wie ein Metzger, der gerade dabei ist ein Schwein zu schächten. Schmerzen hatte er keine, er verspürte vielmehr ein Gefühl der absoluten Befriedigung. Als dann endlich der letzte Tropfen Blut aus seinem Körper floss, konnte Grenouille als derselbe sterben, als der er geboren war.