Samstag, 8. Mai 2010

Nathan ein Anarchist?

1.Aufzug 3. Auftritt

In dieser Szene kommt es zum ersten Wiedersehen zwischen Nathan und dem Derwisch, der sich seit Nathans Abreise stark verändert hat. Schon an seiner schmucken Kleidung ist zu erkennen, dass er seine Funktion als Derwisch zumindest teilweise abgelegt hat. Nathan ist über dessen neues Erscheinungsbild äusserst erstaunt, denn er dachte, dass ein Derwisch sich nie freiwillig so ändern würde. Dies teilt er dem Derwisch auch sofort mit. Jener antwortet darauf, dass er doch nie ein wahrer Derwisch gewesen sei, ausser wenn er es musste. Darauf antwortet Nathan: „Muss! Derwisch! – Derwisch muss? Kein Mensch muss müssen, und ein Derwisch müsste? Was müsste er denn?“ Darauf antwortet der Derwisch: „Worum man ihn recht bittet, Und er für gut erkennt: das muss ein Derwisch.“

Ich finde diesen Textabschnitt einer der interessantesten des Buches, denn er versucht Antwort auf eine sehr wichtige Frage zu geben „Muss ein Mensch müssen?“ Einerseits ist da Nathan, der eine eher theoretische Bemerkung dazu macht: „Kein Mensch muss müssen“ Der Derwisch erweitert Nathans Aussage: „Worum man ihn recht bittet, und er für gut erkennt.“ Der Derwisch zeigt in dieser Passage sehr aufklärerische Ansichten, er bestreitet zwar nicht, dass man nicht müssen muss, sagt aber, dass die Vernunft uns dies immer wieder glauben lässt. Des Weiteren erwähnt er, dass des Menschen soziale Ader ihn beinahe zwingt gewisse Dinge - meist für andere - zu tun, weil man sonst vom schlechten Gewissen gequält wird. Dieser Ausschnitt jedoch zeigt Nathan nicht als das, was er ist: ein Freigeist und Aufklärer. Er wird vielmehr als Anarchist dargestellt. Deshalb habe ich mich auf die Suche nach Textstellen gemacht, die Nathan als Aufklärer zeigen.

1. Aufzug 2. Auftritt

Während dieses Auftritts streitet sich Nathan mit Daja und Recha, weil es diesen zu wenig spektakulär ist, dass Recha von einem Tempelherrn gerettet wurde. Deshalb gehen die beiden davon aus, dass ein Engel der Retter war.

In diesem Auftritt ist Nathan einerseits der Vernünftige, der die Menschen zum Denken bewegt und ihre Abhängigkeit vom Aberglaube eindämmen will und andererseits der Gesellschaftskritiker, der die Sensationsgier seiner Zeit nicht länger ertragen kann.

3. Aufzug 7. Auftritt

Die Ringparabel: Auf Saladins Frage nach der besten Religion antwortet Nathan mit einem Gleichnis, dessen Aussage ist, dass alle Religionen gleich gut sind.

Auch wenn Nathan ein Jude ist (Es bleibt unklar, ob Nathan ein gläubiger Jude ist, denn dieses Thema wird im Buch nicht ausgeführt), hält er seine Religion nicht für die beste. Er sagt nur, dass sie am besten zu ihm passe. Für seine Zeit ist das ein sehr fortschrittliches Denken. Nathan erwähnt auch, dass die Religionen an und für sich gar nicht so wichtig sind, denn im Vordergrund steht die Art und Weise, wie man sie lebt.

In diesen Ausschnitten ist Nathan klar als Aufklärer zu erkennen. Obwohl ich viele Ansichten Nathans teile, ist er mir alles andere als sympathisch. Ich musste lange überlegen, woran das liegt, bis ich bemerkte, dass Nathan nicht wie ein Mensch dargestellt wird. Er ist durchgehend vernünftig, seine Emotionen haben nicht den kleinsten Einfluss auf sein Handeln. Er hat sich absolut unter Kontrolle und handelt nicht einmal im Affekt. Meiner Meinung nach wird Nathan zu perfekt dargestellt. Lessing hat mit Nathan keinen Menschen erschaffen, sondern vielmehr ein Ideal.